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Werden unsere Kinder zum ersten Mal dümmer als ihre Eltern?


Über fast zwei Jahrhunderte hinweg erzielten Kinder im Durchschnitt bessere kognitive Testergebnisse als ihre Eltern. Dieser kontinuierliche Anstieg standardisierter Messwerte wird als Flynn-Effekt bezeichnet. Bessere Ernährung, bessere Schulbildung und eine zunehmend komplexe Umwelt galten als Treiber dieser Entwicklung.

Doch dieser Trend stagniert – in einigen Ländern kehrt er sich um.

Mehrere groß angelegte Untersuchungen in Europa zeigen seit den 2000er-Jahren sinkende Testergebnisse. Eine norwegische Studie von Bratsberg & Rogeberg (2018) dokumentierte messbare Rückgänge von IQ-Werten bei jüngeren Jahrgängen – nicht genetisch bedingt, sondern umweltbedingt.

Internationale Vergleichsstudien wie PISA der OECD belegen ebenfalls:

  • Rückgänge bei Lesekompetenz

  • Schwächere mathematische Leistungen

  • Probleme beim Verständnis längerer Texte

  • Sinkende Problemlösefähigkeit

Das sind keine gefühlten Wahrheiten.
Das sind Messwerte.


Aufmerksamkeit ist trainierbar – und verlernbar

Parallel dazu steigt die tägliche Bildschirmzeit massiv. Fast alle Jugendlichen besitzen inzwischen ein eigenes Smartphone; viele bereits im Grundschulalter. Die tägliche Online-Zeit liegt häufig bei mehreren Stunden.

Das Gehirn entwickelt sich erfahrungsabhängig.

Was trainiert wird, wird stärker.
Was nicht trainiert wird, wird schwächer.

Kurzformat-Inhalte trainieren:

  • schnelle Reizverarbeitung

  • permanentes Umschalten

  • unmittelbare Belohnung

Sie trainieren nicht:

  • Ausdauer

  • Tiefenverarbeitung

  • Frustrationstoleranz

  • komplexe Gedankengänge

Wenn ein junges Gehirn über Jahre kaum monotone Konzentrationsphasen erlebt, wird genau diese Fähigkeit schwächer.

Das ist Neuroplastizität. Keine Ideologie.


KI: Verstärker oder Ersatz?

Künstliche Intelligenz kann Lernen massiv verbessern.
Oder es ersetzen.

KI ist ein Werkzeug. Aber Werkzeuge verändern Verhalten.

Präzises Prompting erfordert Logik, Struktur, Sprachgefühl und Vorwissen. Wer diese Grundlagen besitzt, kann KI als Denkwerkzeug nutzen. Wer sie nicht besitzt, nutzt KI als Denkvermeidung.

Der Unterschied liegt nicht in der Technologie, sondern im Entwicklungsstand des Nutzers.

Lernen entsteht durch kognitive Anstrengung.
Ohne Anstrengung keine Struktur.

Wenn Anstrengung systematisch umgangen wird, entstehen keine tragfähigen mentalen Modelle – nur oberflächliche Ergebnisse.

Auch dieser Text entsteht unter Nutzung von KI.
Nicht als Ersatz für Denken, sondern als Werkzeug zur Strukturierung, Präzisierung und Reflexion.
Die Argumente entstehen nicht aus dem Algorithmus, sondern aus eigener Auseinandersetzung.
KI kann Gedanken schärfen – aber sie kann keine Überzeugung ersetzen.
Wer ihr das Denken vollständig überlässt, verliert genau die Fähigkeit, die er eigentlich stärken wollte.


Eine Beobachtung aus meinem Umfeld

In meinem direkten Umfeld sehe ich zwei Jugendliche.

Gleiche Zeit, ähnliche schulische Rahmenbedingungen, vergleichbare soziale Umgebung. Aber unterschiedliche mediale Voraussetzungen.

Der eine hatte früh nahezu unbegrenzten Zugriff auf Bildschirmmedien.
Der andere wuchs ohne Fernseher auf und bekam erst später ein eigenes Smartphone – nicht aus ideologischer Ablehnung, sondern aus Entwicklungsabwägung.

Der Unterschied ist spürbar:

  • Konzentrationsfähigkeit

  • kreative Eigenleistung

  • sprachliche Tiefe

  • Ausdauer bei komplexen Aufgaben

Natürlich handelt es sich hier nicht um ein kontrolliertes Experiment mit Vergleichsgruppe. Aber es zeigt, wie langfristig stabile Rahmenbedingungen Entwicklung prägen können – und wie stark mediale Umweltfaktoren im Alltag wirken.

Und es geht dabei nicht um eine starre Altersgrenze. Ob ein Smartphone mit 10, 12 oder 14 sinnvoll ist, hängt weniger vom Kalender ab als vom Entwicklungsstand:

Kann das Kind Langeweile aushalten?
Hat es Lesen als Normalität erlebt?
Hat es Frustration durchgestanden?
Hat es gelernt, sich selbst zu beschäftigen?

Sind diese Grundlagen da, ist Technologie ein Werkzeug.
Fehlen sie, wird sie zur Ersatzwelt.


Mehr als nur ein Faktor

Es wäre intellektuell unseriös, den Rückgang kognitiver Leistungen auf einen einzigen Auslöser zu reduzieren.

Es gibt zahlreiche Einflussfaktoren:

  • Pandemiebedingte Lernlücken

  • Bildungsungleichheit

  • Sprachdefizite

  • Veränderungen im Schulsystem

  • Schlaf- und Bewegungsmangel

  • Sozioökonomische Unterschiede

All das spielt eine Rolle.

Zudem ist denkbar, dass klassische Intelligenztests Fähigkeiten messen, die heute weniger trainiert werden, während andere Kompetenzen – etwa schnelle visuelle Mustererkennung – zunehmen.

Doch gerade jene Fähigkeiten, die komplexes Lesen, langfristige Planung und reflektierte Entscheidungsfindung ermöglichen, zeigen messbare Schwächen.

Und diese Fähigkeiten sind für gesellschaftliche Stabilität entscheidend.

Die digitale Dauerstimulation ist nicht die einzige Ursache – aber sie ist das Medium, in dem viele andere Ursachen wirken.

Sie beeinflusst Schlaf, Aufmerksamkeit, Lerngewohnheiten, Selbstregulation und soziale Dynamiken gleichzeitig. Sie ist kein isolierter Faktor. Sie ist die Struktur, in der andere Faktoren ihre Wirkung entfalten.

Nicht weil sie allein verantwortlich wäre –
sondern weil sie dauerhaft wirkt.


Schluss

Die Jugend ist nicht das Problem.
Sie ist das Ergebnis.

Eine Gesellschaft, die permanente Ablenkung produziert, darf sich nicht wundern, wenn Konzentration verschwindet.
Wir haben eine Umgebung geschaffen, die Tiefe bestraft und Geschwindigkeit belohnt – und nennen dann das Resultat „Generation Z“.

Wer über sie klagt, sollte sich fragen, wer die Geräte gekauft, die Grenzen aufgehoben und die Bequemlichkeit zur Erziehungsstrategie erklärt hat.

Kinder wachsen nicht im Vakuum.
Sie wachsen in dem, was wir tolerieren.

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