Heute ist es wieder so weit: Ein weiteres Jahr ist vergangen, die Erde hat sich einmal mehr um die Sonne geschleppt, und Peter Bauer hat offiziell Geburtstag. Während andere an diesem Tag freudestrahlend durch die Gegend hüpfen, Luftballons aufblasen und sich auf Kuchen freuen, sitzt Peter leicht angespannt da – bereit für die unvermeidliche Invasion der Gratulanten.
Doch was für manche ein Ausdruck der Zuneigung ist, bedeutet für Peter nichts weniger als ein emotionaler Ausnahmezustand:
Umarmungen.
Fremdkörperkontakt.
Feuchte Wangenküsse von Menschen, deren Namen er nicht einmal kennt.
Seit 25 Jahren und 192 Monaten begleitet ihn diese sozial anerkannte Tortur, die sich fälschlicherweise als „Herzlichkeit“ tarnt. Er nennt sie beim Namen: Drückattacken. Ein Phänomen, das sich besonders an Geburtstagen zu einem pandemieartigen Ausmaß ausbreitet. Keine Impfung in Sicht.
Am schlimmsten sind aber nicht die Menschen. Nein, das wäre zu einfach. Es sind die Geschenke.
Diese wunderbar nutzlosen, fantasielosen Dinger, die irgendwo zwischen Kerzen, Duschgel, Duftseife und "witzigem Tassenmotiv" pendeln. Dinge, die Peter nie wollte, nie brauchen wird, und wahrscheinlich nur deshalb erhält, weil irgendjemand dachte: „Das sieht man im Büro, dann weiß jeder, ich hab an ihn gedacht.“
Dabei wäre es doch so verdammt leicht, Peter eine echte Freude zu machen:
Ein Döner, am besten mit extra Fleisch.
Eine Pizza, klassisch, fettig, ohne Schnickschnack.
Ein ordentliches Stück Fleisch, blutig, bitte ohne Salatdeko.
Oder ein ganzer Träger Energydrinks, weil Peter lieber Koffein im Blut hat als Freude im Gesicht.
Zur Not – Kekse. Aber keine mit Haferflocken, bitte.
Doch trotz all dieser potenziellen Freuden liegt ein Schatten über diesem Tag:
Eine Bekannte, die namentlich nicht genannt werden möchte, hat es bisher versäumt, Peter zu gratulieren. Ein Ereignis, das auf seiner persönlichen „Top 10 der Enttäuschungen“ immerhin Platz 6 belegt – direkt hinter der finalen Staffel Game of Thrones und vor dem Moment, als sein Lieblingsdönerladen auf „vegan“ umstellte.
Peter nimmt es mit stoischer Ruhe. Seine Einstellung zum Altern ist pragmatisch bis nihilistisch:
„Man ist so alt, wie man sich fühlt – und Männer werden sowieso nur sieben Jahre alt. Danach wachsen sie nur noch und tun so, als hätten sie Ahnung vom Leben.“
Feiern wird er übrigens nicht. Keine Luftschlangen, keine Torte, keine Menschen, die plötzlich anfangen zu singen, als ob es ein schamanisches Ritual zur Vertreibung böser Geister wäre.
Stattdessen: Ein kühles Bier, ein bequemer Stuhl, und vielleicht zwei oder drei Leute, die er wirklich mag. Menschen, die wissen, dass Zuneigung auch ohne Körperkontakt funktioniert. Menschen, die nicht fragen: „Was wünschst du dir?“ sondern kommentarlos mit Gyros und Bier auftauchen.
Wer also wirklich gratulieren will: Bitte nicht schreien, nicht anfassen, und nichts über 15 Euro.
Peter hat Geburtstag – nicht Beerdigung. Noch nicht.
