Der Artikel „Schwächelnde Wirtschaft: Wie Arbeit produktiver werden soll“ in der Tagesschau
(https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/produktivitaet-forderungen-politik-100.html) beschreibt die aktuelle wirtschaftspolitische Debatte korrekt:
Produktivität ist der Output pro Arbeitsstunde und damit eine zentrale Voraussetzung für Wohlstand, steigende Löhne und stabile Steuereinnahmen.
Der Text dient hier als Anlass, nicht als alleinige Grundlage.
Die darin zitierten Positionen stehen exemplarisch für eine breiter geführte politische Diskussion über Arbeitszeit, Leistung und Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland.
Denn genau an diesem Punkt zeigt sich ein grundlegendes Problem der gesamten Debatte:
Produktivität wird zwar richtig definiert – in der politischen Argumentation jedoch häufig mit Arbeitszeit verwechselt.
Was folgt, ist keine Kritik an einem einzelnen Artikel, sondern eine grundsätzliche Betrachtung der aktuellen Arbeitszeit- und Produktivitätsdebatte.
Mehr Zeit ist keine höhere Produktivität
Politiker wie Friedrich Merz oder Markus Söder fordern längere Arbeitszeiten, weniger Krankentage und eine Abkehr von Konzepten wie Work-Life-Balance. Implizit wird dabei unterstellt:
Mehr Arbeitszeit führe zu mehr Produktivität.
Das ist ein Kategorienfehler.
Eine Busfahrerin wird in einer zusätzlichen Arbeitsstunde nicht produktiver.
Sie fährt lediglich länger.
Ihre Leistung pro Stunde bleibt gleich.
Das gilt für große Teile der realen Arbeitswelt:
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Pflege
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Bau
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Handwerk
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Logistik
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Fließbandarbeit
Hier ist Produktivität physisch gedeckelt.
Mehr Zeit bedeutet mehr Verschleiß, mehr Fehler, mehr Krankheitsausfälle – nicht mehr Leistung pro Stunde.
Wissensarbeit hat ein anderes, aber ebenso hartes Limit
Auch bei kognitiver Hochlastarbeit gilt:
Längere Anwesenheit erzeugt keine zusätzliche Produktivität.
Eine Werbetexterin – stellvertretend für Programmierer, Ingenieure, Ärzte oder Forscher – wird nicht kreativer, nur weil sie länger im Büro sitzt.
Nach einigen Stunden sinkt die Qualität der Arbeit.
Fehler nehmen zu.
Entscheidungen werden schlechter.
Das ist keine persönliche Schwäche, sondern neurobiologische Realität.
Konzentration, Entscheidungsfähigkeit und kreatives Denken sind zeitlich begrenzt.
Der politische Denkfehler: Selbstprojektion
Politische Arbeit ist reale Arbeit – aber strukturell anders:
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stark fragmentiert
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kommunikationslastig
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kaum körperlich
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selten über Stunden hinweg hochkonzentriert
Deshalb können Politiker auch mit über 70 Jahren lange Arbeitstage bewältigen.
Nicht aus Überlegenheit, sondern aufgrund einer anderen Belastungsstruktur.
Problematisch wird es, wenn diese eigene Arbeitsrealität zum Maßstab für alle anderen erklärt wird.
Wer selbst kaum körperlich verschleißt und selten über Stunden fokussiert arbeiten muss, hält lange Tage für zumutbar.
Das ist Projektion – politisch jedoch folgenreich.
Das Berichtsheft als Gedankenexperiment
In der Ausbildung ist ein Berichtsheft Pflicht.
Nicht zur Gängelung, sondern zur Transparenz:
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Was wurde konkret getan?
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Was wurde gelernt?
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Welches Problem wurde gelöst?
Überträgt man dieses Prinzip einmal auf politische Arbeit – verpflichtend, für einen Monat – entstünde kein Skandal, sondern Klarheit.
Nicht, um Politiker bloßzustellen, sondern um Vergleichbarkeit herzustellen.
Sichtbar würde:
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wie viel tatsächliche inhaltliche Arbeit anfällt
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wie viel Koordination und Kommunikation notwendig ist
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und warum lange Arbeitstage nicht automatisch hohe Produktivität bedeuten
Vor allem würde deutlich, weshalb diese Arbeitsform nicht normsetzend für Pflege, Handwerk, Industrie oder Wissensarbeit sein kann.
Produktivität entsteht durch Struktur, nicht durch Druck
Die eigentlichen Hebel sind bekannt:
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bessere Bildung und Qualifikation
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moderne Technologien
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sinnvolle KI-Nutzung
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effizientere Prozesse
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weniger unnötige Unterbrechungen
Deutschland wurde nicht durch längere Arbeit reich, sondern durch bessere Arbeit.
Mehr Arbeitszeit zu fordern ist einfach.
Produktivität wirklich zu steigern ist schwierig.
Die eigentliche Frage
Wer Produktivität fordert, sollte zuerst zeigen,
wie sie in der eigenen Arbeit entsteht.
Nicht durch Anwesenheit.
Nicht durch Durchhalteparolen.
Sondern durch nachvollziehbare, überprüfbare Ergebnisse.
Solange Arbeitszeit verlängert wird, statt Arbeit strukturell zu verbessern,
wird nicht der Wohlstand gesichert –
sondern lediglich der Verschleiß normalisiert.
