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Die Ungewohntheit der Nähe

Es gibt Verbindungen, die entstehen nicht aus Planung, sondern aus einem leisen Ineinanderfallen zweier Leben. Sie wachsen nicht, weil sie erlaubt sind, sondern weil sie möglich sind. Und manchmal sind gerade jene Begegnungen, die unter einem unausgesprochenen Vorbehalt stehen, von einer besonderen Intensität.
Man weiß früh, daß sie nicht in eine ordentliche Zukunft passen. Man spricht es aus, beinahe nüchtern, fast vernünftig. „Es geht nicht.“ Ein Satz wie ein Geländer, an dem man sich festhalten will. Und doch stehen zwei Menschen nebeneinander und vermögen sich nicht zu lösen.
Zwischen Pflichtgefühl und Sehnsucht spannt sich ein unsichtbarer Faden. Niemand will jemand anderem das Leben beschweren. Niemand möchte Ursache eines fremden Schmerzes sein. Und dennoch trägt man eine Zeit in sich, die man um keinen Preis missen möchte. Gerade weil sie unerlaubt, unvernünftig oder unpassend erschien, war sie von einer Dichte, die selten ist.
Man hätte es anders definieren können, sagt die Vernunft im Rückblick. Klarer. Strenger. Vielleicht hätte man Grenzen ziehen müssen, ehe Nähe entstand. Doch wer vermag im Augenblick des Entstehens bereits die Form seines Endes zu bestimmen? Hätte man das Unmögliche verhindert, so hätte man auch das Schöne ausgelöscht.
Da ist die Erfahrung, gesehen zu werden. Nicht oberflächlich, nicht beiläufig, sondern in einer Weise, die fast erschreckt. Wertschätzung, Fürsorge, ein waches Achten auf jede Regung. Für jemanden, der solches kaum gewohnt ist, kann selbst Zuneigung eine Überforderung sein. Nicht weil sie falsch wäre, sondern weil sie neu ist.
So bleibt ein eigentümlicher Zustand zurück. Dankbarkeit und Bedauern wohnen im selben Raum. Man fühlt sich erhoben und zugleich schuldig. Man weiß um die Echtheit des Erlebten und spricht dennoch das Wort vom „Nichtgehen“ aus.
Vielleicht liegt die Tragik solcher Begegnungen nicht im Mangel an Gefühl, sondern in seiner Fülle. Nicht im Fehlen von Wertschätzung, sondern in der Ungewohntheit, sie anzunehmen.
Und vielleicht ist das „Es geht nicht“ weniger ein Gesetz als eine Entscheidung. Nicht die Welt stellt es aus, sondern der Mensch selbst. Man kann sich verschließen, um niemanden zu gefährden, oder man kann den Mut finden, das Eigene als möglich zu denken.
Denn was nicht geht, ist oft nur das, was man nicht wagt zuzulassen.

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