„Die Welle“ war einst eine Schullektüre – heute ist sie Realität.
Was als warnende Geschichte über Faschismus begann, wirkt in erschreckender Weise wie ein Spiegel der Gegenwart. Und dabei geht es nicht um rechte Bewegungen – sondern um den Umgang mit ihnen.
In Morton Rhues Roman beginnt alles mit einer guten Absicht: Aufklären, sensibilisieren, zeigen, wie Faschismus entsteht. Doch was folgt, ist eine Dynamik, die genau das hervorbringt, was sie zu bekämpfen vorgibt: Gruppenzwang, ideologische Blasen, Ausgrenzung.
Heute erleben wir genau das.
Die sogenannte „antifaschistische“ Haltung, die sich gegen rechte Parteien wie die AfD richtet, ist vielerorts zur neuen Welle geworden. Lehrer, die Schülern das Wählen der AfD verbieten wollen. Demonstranten, die Andersdenkende blockieren. Arbeitgeber, die Mitarbeiter entlassen, weil sie „falsch“ gewählt haben.
Und nun hat das Bundesamt für Verfassungsschutz erklärt, dass die AfD „zweifelsfrei rechtsextremistisch“ sei – basierend auf einem über 1.000 Seiten langen Gutachten, das nicht veröffentlicht wird.
Wie soll sich die Gesellschaft eine eigene Meinung bilden, wenn die Grundlage der Bewertung unter Verschluss bleibt? Wer nachfragt, gilt schnell als verdächtig. Wer lediglich einfordert, dass auch rechte Parteien demokratisch gehört werden müssen, wird schnell in eine Ecke gestellt – nicht wegen seiner Haltung, sondern wegen seiner Bereitschaft zum Dialog.
Doch wer Faschismus bekämpfen will, indem er Meinungen unterdrückt, wird selbst zum Spiegelbild dessen, was er verachtet.
Der Theologe Dietrich Bonhoeffer warnte in seiner Theorie der Dummheit nicht etwa vor dem Bösen, sondern vor dem gedankenlosen Mitläufertum. Der Dumme, so Bonhoeffer, sei nicht böswillig – aber gefährlich, weil er nicht selbst denkt.
Er wiederholt Parolen. Er fühlt sich moralisch im Recht. Und gerade deshalb lässt er sich nicht mehr durch Argumente erreichen, sondern nur durch Gruppenzugehörigkeit.
In der Welle wie heute gilt:
„Wer nicht mitmacht, ist gegen uns.“
Und genau das ist die gefährlichste aller Haltungen.
Nein – die AfD ist nicht die Lösung. Ihre Inhalte sind kritisch zu prüfen und dürfen, ja müssen, hinterfragt werden. Aber genau das erfordert, dass sie gehört wird.
In einer Demokratie braucht es das ganze Spektrum – von links bis rechts. Denn Demokratie bedeutet nicht: alle denken gleich. Demokratie bedeutet: alle dürfen denken.
Wenn wir anfangen, Meinungen zu verbieten, statt sie zu widerlegen, sind wir keine Verteidiger der Demokratie mehr – sondern ihre Totengräber.
„Die Welle verbietet Unabhängigkeit“, heißt es im Roman.
Wollen wir wirklich, dass unsere Realität diesem Satz entspricht?
Ich weiß, wie es sich anfühlt, ausgegrenzt zu werden.
Ich war als Jugendlicher Teil der rechten Szene – ein Mitläufer, nicht mehr, nicht weniger. Ich habe den Weg da raus gefunden. Ich dachte, ich hätte daraus gelernt.
Heute, viele Jahre später, werde ich wieder ausgegrenzt – nicht wegen dem, was ich tue, sondern wegen dem, was ich zu denken wage.
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